#Wissen, was Menschen bewegt: Statistik

Statistik ist trocken und langweilig? Der Direktor des Bundesamtes für Statistik Dr. MBA Georges-Simon Ulrich sieht das anders. Und wir natürli auch. Was Zahlen mit Bildern zu tun haben und warum ihn Statistik seit seiner Geburt begleitet, wir haben ihn gefragt.

 

 

Interview: Markus Britschgi

 

 

Wie kamen Sie zur Statistik?
Die Statistik kam zu mir und zwar mit meiner Geburt als ich mit diesem Ereignis in die Volkszählung respektive in die Geburtenstatistik aufgenommen wurde. Seit diesem Moment hat sie mich nicht mehr losgelassen.

 

Was macht man als Direktor des Bundesamtes für Statistik den ganzen Tag?
Meine Arbeit ist äusserst vielseitig und besteht darin, das Amt zu führen und weiterzuentwickeln und dessen Auftrag und Produkte gegenüber der Politik, den Verbänden aber auch der breiten Öffentlichkeit zu vertreten.

Sind sie ein Zahlenmensch?
Das kommt darauf an, was man unter Zahlenmensch versteht. Die Arbeit in einem statistischen Amt besteht nicht nur aus Zahlen – heute würde man wohl Daten und Algorithmen sagen. Statistik versucht, mittels Zahlen, Grafiken und schriftlichen Erklärungen möglichst einen gemeinsamen Referenzrahmen als Grundlage zu liefern. «Zahlen» haben den Vorteil, dass sie von der Sprache unabhängig, ein verständliches Bild zu einer Fragestellung schaffen. Und wie jeder weiss, ist es nicht immer einfach, ein gutes Bild zu machen. Zahlen und Daten sind eben erheblich mehr als es im ersten Eindruck scheinen mag, insbesondere wenn man etwas vertieft darüber nachdenkt.

 

Bild Keystone:

Mit verschiedenen Preisen für Bauökologie ausgezeichnet: das BFS-Gebäude in Neuenburg.

 

Daten besitzen, heisst Wissen zu haben. Sie erheben mit ihren Teams diverse Studien pro Jahr. Aktuell sind in der Erhebungsverordnung 190 Statistiken aufgeführt, die Sie zumeist jährlich durchführen. Sind diese Daten überwiegend für das eigene Interesse (Beobachtung der Gesellschaft) gedacht oder werden sie auch von Dritten genutzt?
Die Bundesstatistik ist kein Selbstzweck und ermittelt gemäss Art. 3 BStatG auf fachlich unabhängige Weise repräsentative Ergebnisse über den Zustand und die Entwicklung von Bevölkerung, Wirtschaft, Gesellschaft, Bildung, Forschung, Raum und Umwelt in der Schweiz. Fachlich unabhängig heisst auch, dass wir sicherstellen müssen, dass die öffentliche Statistik bei der Erstellung eines Informationsproduktes nicht durch die Politik instrumentalisiert wird. Es ist uns aber gleichzeitig auch bewusst, dass eine völlige Unabhängigkeit und Neutralität schwierig ist, deswegen stützen wir uns auf die Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens und machen Methode und Vorgehen intersubjektiv und transparent nachvollziehbar.

Nennen Sie uns ein paar Zahlen zu Ihrem Amt?

Im letzten Jahr wurden unsere Internetseiten 14,2 Millionen mal aufgerufen und 3,8 Millionen mal wurden Inhalte davon heruntergeladen. Wir haben 2018 190'791 gedruckte Publikationen versandt und 10'800 individuelle Auskünfte per Mail und Telefon erteilt.

Wer bestimmt, welche Datenthemen das BFS erheben muss?
Die einzelnen Statistiken, welche das BFS durchführt, sind in der Erhebungsverordnung verzeichnet. Diese wird durch den Bundesrat verabschiedet.

Google, Facebook und Co. sammeln ihre Daten direkt bei der Bevölkerung, was halten Sie davon?
Eine Frage, die wie ein Titel eines sehr dicken Buches tönt. Heute erfassen alle grossen Unternehmen und auch viele kleinere Firmen das Kundenverhalten. Oft merken die Kunden ja gar nicht, dass Daten über sie erhoben werden.  Zwischenzeitlich verdienen viele Firmen mehr Geld mit ihren Daten als mit den ursprünglich produzierten Produkten selber. Daten für sich selber haben aber noch keinen Wert, erst das, was man damit macht, generiert Wert. Das Wissen in den Daten in einen Wert zu setzen ist ein derart vielschichtiges und vielseitiges Thema, dass heutzutage erst am Anfang steht. Heute arbeitet man in erster Linie an der Nutzbarmachung der irgendwie und irgendwo erhobenen Daten. Diese Daten sind aber bis dato noch nicht wirklich übergreifend verknüpfbar, dies wird in den nächsten Jahren das grosse Thema sein. Denken Sie nur an die verschiedenen Kundenkarten, an die elektronischen Chips, die in vielen Eintrittsberechtigungen bei Veranstaltungen enthalten sind, oder eben bei Buchungen, Anfragen oder sonstigen Aktivitäten im Internet. Das Spektrum dieser Datensammlungen ist sehr weit und die Qualität der Daten variiert sehr stark. Gemeinsam ist allen privaten Firmen, dass sie kaum repräsentativen Aussagen über die Gesamtbevölkerung machen können, weil sie die Grundgesamtheit nicht kennen oder eben device- oder usergetrieben ist. Dafür können sie sehr schnell Daten zusammenstellen. Ich glaube, dass dies einen sehr evolutionären Paradigmawechsel mit sich bringt und neue Potentiale in der Zusammenarbeit ermöglicht.

Wie kommen Sie zu Ihren Daten?

 

Das BFS kann zum einen private Haushalte und Unternehmen befragen bzw. befragen lassen. Zum anderen greifen wir heute – wenn immer möglich – auf Registerdaten zurück, um die Belastung der Befragten zu reduzieren und die Effizienz unserer Arbeit zu steigern.

Sie sind sehr aktiv in den Social Media und veröffentlichen laufend neue Erkenntnisse und Studien. Welches ist die Idee dahinter?
Die Sozialen Medien haben heute in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert und viele Menschen beziehen ihre Informationen über das, was in der Welt geschieht, aus diesen Quellen. Die Statistiken, die wir erheben, entfalten ihren vollen Nutzen dann, wenn wir sie nicht nur von den Spezialisten und Spezialistinnen abgerufen werden, welche gezielt nach ihnen suchen, sondern auch breiten Bevölkerungsschichten bewusst und leicht zugänglich sind.

Als ehemaliger Geschäftsführer des GfS-Befragungsdienstes haben Sie auch praktische Erfahrung als Marktforscher. Wann haben Sie das letzte Mal selber an einem Fragebogen mitgearbeitet?
Also jetzt gerade arbeite ich an den Antworten eines Fragebogens. Es ist sicher sehr gewinnbringend, dass ich das Handwerk damals bei GfS von der Pieke auf gelernt habe und nicht nur in der Theorie. In jeder Stufe des Wertschöpfungsprozesses in der Forschung stellen sich eine derart grosse Anzahl an Herausforderungen, dass es gut ist, wenn man sich selber mal «von A bis Z die Hände dreckig gemacht hat». Letzteres betrifft also nicht nur das Erstellen des Fragebogens.

Big Daten und Digitalisierung sind in der aktuellen Marktforschung heiss diskutierte Themen. Big Data versus Primärforschung: Wagen Sie einen Blick in die Zukunft?
Big Data versus Primärforschung geht von der Annahme aus, dass diese beiden Sachen konkurrieren. Dem ist nicht so, sie brauchen sich gegenseitig. Beide Ansätze haben heute noch einen sehr unterschiedlichen Hintergrund, es gilt, sie vom Erkenntnissinteresse getrieben in Wert zu setzen. Auch dies ist der Titel eines ganzen Bücherbandes. Zentral aber ist die Bedingung, dass auf Basis valider und reliaber Daten induktive und deduktive Ansätze als Bestandteil eines erweiterten Verständnisses kombiniert werden. Wir beschäftigen uns mit dieser Frage seit langem und haben hierzu initial eine Dateninnovationsstrategie definiert. Wir glauben, dass sich die beiden Ansätze nicht nur ergänzen, sondern die Voraussetzung für noch ganz vieles mehr sind. Unsere Aufgabe besteht heute aber im Wesentlichen darin, für diese Entwicklungen gewisse Voraussetzungen zu schaffen, damit sie möglich wird.

Das Thema Statistik gilt als eher langweilig, kompliziert und wenig nützlich. Wie würde Ihr Werbespruch zur Imagekorrektur der Statistik lauten?
Na ja, Statistik wurde auch schon als «most attractive job» gewählt, aber einfach gesagt: Statistik ist das Leben! Sie befasst sich mit allen relevanten Fragen, die sich in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stellen und liefert hierzu aktuelle und präzise Antworten. Sie trägt somit entscheidend zur Versachlichung der Diskussion bei. Weil wir in allen Bereichen des täglichen Lebens aktiv sind, benötigen wir auch Spezialisten und Spezialistinnen aus allen Disziplinen – von der Ärztin bis zum Übersetzer, vom Juristen bis zur Geografin. Statistik zählt! Auch für Dich!

 

 

 

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Kommentare: 7
  • #1

    Bernd Staufer (Mittwoch, 14 August 2019 17:23)

    Danke! Cooler Beitrag, viel gelernt!

  • #2

    Claudia Hämmerli (Mittwoch, 14 August 2019 17:55)

    Ich habe mich schon immer gefragt was die eigentlich so machen...bin positiv überrascht, dachte das sind so « graue Mäuse »...

  • #3

    Petra Sauber (Mittwoch, 14 August 2019 18:04)

    Interessanter Typ, es hat mich gewundert woher er eigentlich kommt und habe folgendes gefunden:

    http://www.zolliker-zumiker.ch/CMS/de-CH/Persönlich/11-2014-Von-der-Verkäufer-Lehre-zum-Direktor-des-Bundesamtes-für-Statistik.aspx

    Und:

    https://www.nzz.ch/gesellschaft/bundesamt-fuer-statistik-die-vermesser-der-schweiz-ld.1432435

  • #4

    Sandro Delebach (Mittwoch, 14 August 2019 19:44)

    Guter Beitrag, danke

  • #5

    Natalia Brenner (Mittwoch, 14 August 2019 22:47)

    « Dass kombinieren von induktiven und deduktiven Ansätzen auf der Basis von validen und reliablen Daten », das scheint mir sinnvoller als ganz vieles was ich bislang von den Big Data « Predigern » gehört habe. Ist da die Wissenschaft eingebunden?

  • #6

    Roman Bertschi (Donnerstag, 15 August 2019 22:49)

    In Zeiten von Fake News und wo Journalisten nur noch an Klicks gemessen werden ist so eine Institution extrem zentral für unsere Demokratie; viel zentraler als viele im ersten Moment denken

  • #7

    Roman durrer (Freitag, 16 August 2019 21:34)

    Interessant! Künftig wird es jemand brauchen der nicht nur die Analysen macht sondern eben auch die Daten und die interoperabität sicherstellt, das BfS scheint hier zumindest fähig zu sein

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